Wiegand bricht den Fluch Bei der diesjährigen Landesmeisterschaft im 14/1 endlos konnte der PBC Erfurt endlich seinen Fluch durchbrechen und die erste Einzelmedaille bei den Herren erringen. Was beim Nachwuchs, bei den Senioren und neuerdings bei den Snookerspielern bereits hervorragend in der Vergangenheit und Gegenwart klappte, war den Herren bisher nicht vergönnt. Zwar haben sie mit Wiegand einen Spieler in ihren Reihen, der 1994 Bronze im 14/1 gewann, jedoch startete er damals noch für den SV Sömmerda (Insider wissen natürlich, dass die Nr.1 unter den Erfurter Billardklubs erst in 1997 geründet wurde). Eben dieser Wiegand wiederholte nun 16 Jahre später dieses Kunststück und fügte einer zwischenzeitlich endlosen Sammlung an 5.Plätzen endlich die ersehnte Medaille hinzu. Das Turnier fand im Vereinsheim eines anderen Erfurter Billardklubs statt und wurde mit Vorrundengruppen und anschließenden K.O. Spielen der besten acht fortgesetzt. Mit Reyke, Mildner und Wiegand schafften 3 Spieler des PBC den Sprung in die nächste Runde, lediglich Kiesow scheiterte in seiner Gruppe knapp. Mildner traf nun auf den Topfavoriten Usbeck und Wiegand bestritt ein vereinsinternes Duell mit Reyke. Mildner schied fast erwartungsgemäß gegen Usbeck aus, der in diesem Spiel mit 52 Punkten die Turnierhöchstserie markierte. Wiegand hatte im Anschluss knapp die Nase vorn und setzte sich gegen Reyke durch. Im Halbfinale standen sich nun die Regionalligisten vom PBC Gera, Usbeck und Götz, sowie Wiegand und Jankowski gegenüber. Während Usbeck unbeirrt seine Kreise zog lieferten sich Wiegand und Jankowski ein erbittertes Duell, welches nach fast 2 ½ Stunden mit 100:97 quasi durch Zielfotoentscheid zugunsten von Jankowski ausging. Im Finale kürte sich Usbeck nach 8 und 10 Ball auch zum 14/1 Champion und hielt Jankowski mit 125:89 auf Distanz. Das Endklassement der acht besten sah wie folgt aus:
1.Alexander Usbeck (PBC Gera) 2.Swen Jankowski (Poolmaster Erfurt) 3.Michael Götz (PBC Gera), Stephan Wiegand (PBC Erfurt) 5. Denis Mildner, Ronny Reyke (beide PBC Erfurt), Christian Martin (Poolmaster Erfurt), Chris Hamann (PBC Merkers) Herzlichen Glückwunsch dem Titelträger und den Platzierten!!! 16 Jahre ist eine lange Zeit, lassen wir deshalb den Protagonisten an dieser Stelle selbst zu Wort kommen und geben ihm die Chance sein persönliches Fazit zu diesem Erfolg zu ziehen: 16 Jahre? Ist das wirklich schon so lange her? Mir kommt es vor als wäre es gestern gewesen. In dieser Zeit habe ich eine Menge Leute in Thüringen kommen und gehen sehen. Einer war schon damals dabei, Alex Usbeck (liebevoll Usser genannt). Nur war er zu der Zeit einer von vielen „Neuen“ und ich könnte behaupten, dass von ihm noch keine Gefahr ausging. Heute ist er jedoch neben seinem Teamkollegen Ernst Schmidt zur festen Größe in Thüringen gereift und sammelt Titel wie andere Leute Briefmarken. Seine Entwicklung, die wohl noch immer nicht abgeschlossen ist, beweist, dass bei entsprechender Prioritätenauslegung es jeder im Billard schaffen kann. Dies wiederum war für mich der Ansporn trotz aller Rückschläge nie aufzugeben. Leute wie Usser geben einem das Gefühl, dass es nicht darauf ankommt wie viele Kugeln du lochen kannst um ernstgenommen zu werden. Diese Haltung findet sich nicht oft im F ischbecken der Eitelkeiten unserer geliebten Billardszene. An dieser Stelle mal fette Glückwünsche zum diesjährigen „Triple“. Warum ich überhaupt nach 2007 wieder eine Landesmeisterschaft spielte? So genau weiß ich das gar nicht. Eine Ursache war sicherlich der erste Spieltag mit den „Göttern“ in Jena. Ohne Vorbereitungszeit musste ich kurzfristig im 14/1 gegen Frank Seidel einspringen. Im Laufe der Jahre habe ich meine einstige Lieblingsdisziplin regelrecht hassen gelernt. Warum? Würde an der Stelle den Rahmen sprengen, ist quasi eine eigene Geschichte und hebe ich mir für meine Dissertation auf. Nun ja, besagter Seidel war ebenfalls von seiner Bestform meilenweit entfernt. In einem Oberliga unwürdigem Spiel verlor ich 53:70. Klar klingt knapp und man könnte es sich schönreden, aber ich hatte in diesem Spiel zu keiner Zeit das Gefühl ich könnte hier noch was reißen und ehrlich gesagt auch keinen Antrieb dazu. In der Analyse musste ich feststellen, dass dies in der Tat mit der Disziplin 14/1 zusammenhing, da ich in der 2. Runde gegen den selben Gegner ein grundsolides 8-Ball spielte und sicher gewann. In der Folge wurde mir klar, dass sich entweder etwas grundlegend ändern musste oder ich hätte aufhören sollen. Von da an nahm ich mir vor mich gezielt auf jeden Spieltag vorzubereiten und zwar speziell auf das 14/1. Nur taktische Gründe sollten verhindern, dass ich 14/1 spiele. Gleich am zweiten Spieltag dann die Bewährungsprobe gegen den Merkerser Bomberg. Eigentlich wäre das Projekt bereits gescheitert, denn ich lag glaub ich 20-30 Bälle hinten und Bomberg brauchte nur noch 4 Kugeln. Doch plötzlich kam ich nach einem Schussfehler des Gegners an den Tisch und hatte dieses eine Gefühl, welches ich seit Jahren beim 14/1 nicht mehr hatte. Dieses Gefühl, zu dem man auch „im Tunnel“ od. „in the zone“ sagt. Man spürt einfach, dass man die volle Kontrolle über die Kugeln hat und es einfach keine gravierenden Fehler geben wird. Irre, ich gewann das Match, ohne das mein Gegner noch mal die Chance hatte zu punkten. Von da an hatte ich wieder dieses Feuer im 14/1, welches ich solange vermisste. Ich beschloss an den Landesmeisterschaften teilzunehmen und mich schon damals, im Herbst 2009, gezielt auf dieses eine Event vorzubereiten. Wann immer es möglich war zu trainieren, wurden die alten 14/1 Übungen rausgekramt und konsequent gearbeitet. Manches mal hatte ich gerade 20-30 Minuten nach der Arbeit Zeit und trotzdem versuchte ich es durchzuziehen. Endgültig überzeugt hatte mich der unerwartete, deutliche Sieg im Derby gegen Jankowski, als ich meinem Gegner nur eine Aufnahme zum Punkten ließ und ich selbst mit nur vier Serien und nur einem Fehler das Match entschied. Es war klar, dass die Zeit nur für eine Landesmeisterschaft reichte, also alles oder nichts! Eine zweite Chance in einer anderen Disziplin gab es nicht. Doch welches Ziel nimmt man sich vor? Schließlich war ich 3 Jahre bei keinem Meisterschaftsturnier im Einzel. Ganz dunkel erinnerte ich mich an den Fluch, dass ich bei meinen letzten 5 Teilnahmen immer den 5.Platz belegte (insgesamt halte ich wohl den Rekord mit 7 oder 8 fünften Plätzen). Ich verlor also immer das entscheidende Match um die Medaille. Und was für kuriose Niederlagen dabei waren. Schon mein letzter Auftritt im 9-Ball 2007 in Gera war traumatisierend. Nachdem ich im ersten Spiel ein 0:9 in nur zwei Aufnahmen gegen den damaligen Bronzemedaillengewinner bei den Deutschen Meisterschaften, Ernst Schmidt, um die Ohren gehauen bekam, traf man sich im Viertelfinale wieder. Nun hatte ich einen Lauf und zog auf 7:1 davon. Die anwesenden Zuschauer interessierten sich plötzlich für das Spiel, denn es drohte eine Überraschung für den Lokalmatadoren. Was passierte? Er legte den Schalter um und schoss den Satz aus. Nein er ließ mich gnädiger Weise nochmal auf zwei Save an den Tisch. Das 7:9 schmerzte lange. Was also lag näher, als endlich diesen Fluch zu besiegen und sich eine Medaille als Ziel vorzunehmen. Welche? Ganz olympisch, völlig egal. Die Spieltage mit der Mannschaft sollten fortan ein Leistungsindikator sein und mich beim (Wieder)Aufbau meiner 14/1 Kompetenzen kontrollieren. Nach meiner Auftaktniederlage verlor ich von den weiteren 9 Partien keine einzige mehr. Ganz nebenbei steigerte ich auch mein gesamtes Leistungsniveau und verlor in der ganzen Saison lediglich 4 Matches. Nun kam er also der Tag X. Wie es im Leben so ist, es klappt eigentlich nie wie man es plant. Erst setzte mich 3 Wochen vor dem Turnier ein mysteriöser Virus kurzzeitig außer Gefecht, dann kamen familiäre Terminschwierigkeiten dazu, welche fast zur Absage führten. Dass ich starten konnte merkte ich erst so richtig am Abend vor dem Turnier, als ich mich auf der Autobahn Richtung Erfurt befand. Die anschließende Nacht war grausam, ich glaube ich habe nur 2-3 Stunden geschlafen. Es war wieder dieses Gefühl, welches ich aus meiner Anfangszeit kannte. Hypernervös verbrachte ich den Morgen und musste mich zwingen etwas zu essen. Ich kam mir vor wie ein Anfänger, der sein erstes Turnier spielen muss. Ein unbeschreibliches Gefühl! Genau wie vor 16 Jahren. Mein erster Gegner in meiner Gruppe war mit Frank Helbringer nun auch kein Freilos, sondern viel mehr ein Spezialist im 14/1, der auch noch den Heimvorteil genoss. Ich startete verhalten, um nicht durch meine Nervosität ins offene Messer zu laufen. Frank half mir mich selbiger zu entledigen indem er einige unerwartet leichte Fehler machte. Ich konnte die Kontrolle übernehmen und gewann recht sicher. Im zweiten Spiel traf ich auf den Turnierfavoriten Usbeck, den sicherlich nicht nur ich sondern auch einige andere auf dem Zettel hatten. Quo vadis? Testen wo ich stehe und um den Gruppensieg kämpfen, dabei alles abrufen oder schenken? Schließlich ging es nur um die Qualifikation fürs Viertelfinale. Ich entschied keine unnötige Energie zu verschwenden und locker zu bleiben und vor allem „zügig“ zu spielen, egal wie der Spielverlauf gerade ist. Usser möge es mir nachsehen, aber ich glaube hier machte ich einen entscheidenden Schritt. Früher habe ich gerade auf Meisterschaften jedes Spiel gnadenlos ernst genommen und selbst aussichtslose Matches ohne Bedeutung noch umbiegen wollen. Entsprechend platt war ich in den entscheidenden Spielen im späteren Turnierverlauf. Heute war ich überrascht, dass ich es trotzdem auf knapp 40 Punkte brachte und eine Serie von über 15 platzierte. So ähnlich hätte ich auch das nächste Match gegen Chris Hamann gespielt, wenn nicht vorher bekannt gegeben worden wäre, dass der Punktbeste Zweite aller Gruppen einen Setzplatz im Viertelfinale bekam. Also Vollgas. Nach dem obligatorischen Sicherheitsgeplänkel, spielte ich eine kleine Serie und merkte schon, dass ich Richtung „zone“ kam. Nach einem missglückten Save von Chris spielte ich und spielte und spielte. Ich hörte erst auf als ich mich beim nachbreaken am Pulk festspielte und mein Gegner sagte: „Wow, ne 51.“ Früher ertappte ich mich oft dabei, wie ich innerlich mitzählte und mich schon bei Serien über 30 freute, obwohl sie noch nicht zu Ende waren. Logischerweise passierte genau dann immer der Leichtsinnsfehler. Dieses Mal bekam ich es gar nicht so richtig mit. „In the zone“! Hat aber auch Nachteile. Hätte ich gewusst wie es steht, hätte ich nicht versucht den Pulk zu lösen, sondern vielmehr die zwei freien Kugeln gelocht. Die hätten nämlich zum Sieg gereicht und ich hätte wahrscheinlich mit 53 das „highest break“ geschossen. Kurze Zeit später schnappte mir Usser diese Ehre mit seiner 52 vor der Nase weg. Gemein!
Im Viertelfinale traf ich dank des deutlichen Sieges nun auf keinen Gruppenersten. Und die Auslosung bescherte mir mit Ronny Reyke einen Vereinskollegen aus der 2.Mannschaft. Auch wenn es mir keiner glaubt, glücklich war ich mit dieser Auslosung im ersten Moment nicht. Schließlich war es das Match was über mein mir selbstgestecktes Ziel entschied. Medaille Ja oder Nein!!! Vom Papier her eine lösbare Aufgabe. Aber ich kenne Ronny nun lang genug, um zu wissen wie ehrgeizig er ist. Und auch er kennt mich nur allzu gut. Kurz vor dem Match ging ich nochmal alles durch. Die Vorbereitung. Das Ziel. Den angeblichen Fluch. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich bis jetzt alles richtig gemacht hatte. Bitte was soll da schief gehen? Direkt zu Beginn verspürte ich plötzlich einen immensen Druck und bekam feuchte Hände. Und vor allem fing ich an zu denken. Wie viele Matches hatte ich im Laufe meiner Karriere unnötig verloren weil ich dachte? Zu viele. Ich konnte also genau das gerade nicht gebrauchen. Ich bemerkte jedoch, dass Ronny wohl das gleiche Problem hatte und völlig verkrampft am Tisch stand. Ich konnte mich wieder fokussieren und mich mit kleineren Serien deutlich absetzen. Kurz vor der 100, dem Ziel aller Träume, dann der gefürchtete „lange Arm“. Zwei, drei Fehler und mein Gegner bekam Oberwasser und begann seine Leistung abzurufen. Doch diese Aufholjagt kam zu spät und ich konnte die letzten Kugeln lochen. Wie war es also das Gefühl, wenn man nach solanger Zeit am Ziel ist? Eigentlich nicht besonders, denn auch hier hatte ich im Gegensatz zu früher noch keine Zufriedenheit gespürt. Da war ja auch noch ein Halbfinale zu spielen. Gegner war Swen Jankowski. Der bis zum Viertelfinale gruselig spielte und dann aber mächtig Gas gab und den Geheimfavoriten Christian Martin eliminierte. Wird ein geiles Match dachte ich mir. Im Spiel geriet ich zweimal mit über 30 Punkten in Rückstand und bemerkte wie aggressiv und risikoreich Swen agierte. Auch hier bemerkte ich im nachhinein einen deutlichen Unterschied zu früher. Ich blieb absolut ruhig. Früher habe ich schon mal ins Queue gebissen, wenn mein Gegner im 14/1 nach dem Xten Stellungsfehler unmögliche Bälle ansagte, die auch noch auf wundersame Weise fielen. Doch hier? Fehlanzeig!. Und so holte ich zweimal den Rückstand auf und ging mit 97:80 in Führung. Drei lumpige Bälle trennten mich vom Finale! Das ich das Spiel noch verlor lag sicher nur sekundär an dem Stellungsfehler beim 97. Punkt. Davon gab es im Match einige auf beiden Seiten. Es war vielmehr der niemals aufgebende Jankowski ausschlaggebend, der volles Risiko ging und selbst in seiner letzten 20er Serie drei „Hammer-Kombis“ spielen musste. Er ging dieses Risiko sicherlich bewusst ein, wissend, dass bei einem Fehler die Sache beendet ist. Das Risiko wurde belohnt und das verdient meinen Respekt! Umgekehrt, könnte auch ich mir sagen, dass ich ihn zu diesem Spiel zwang bzw. er dieses Risiko gehen musste. Fakt ist, das ich in diesem Krimi keine schwache Phase hatte, so wie früher oft und ich mit erhobenem Haupt die Arena verlassen konnte. Was dann kam war nur noch Freude. Jetzt erst realisierte ich, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Als ich bei der Siegerehrung „meine“ Medaille bekam war das ein sehr emotionaler Moment. Auf der Heimfahrt hatte ich weiche Knie. An dieser Stelle mal ein Dankeschön an die Leute von Poolmaster für die perfekte Organisation. Al s PBC´ler fallen einem diese Art Komplimente für den zweitbesten Erfurter Billardverein selbstredend nicht leicht. Und richtig, spätestens zur neuen Saison sind wir uns wieder spinnefeind. Apropos neue Saison, gibt es die für mich? Wäre das nicht der optimale Zeitpunkt aufzuhören? Ich habe etwas geschafft, was ich nach dem Verlauf der letzten Jahre niemals mehr für möglich gehalten hätte. Ist eine Wiederholung im nächsten Jahr oder eine Steigerung realistisch? Man wird nicht jünger, aber es kommen Jüngere nach. Dieses Projekt hatte (hat) nicht nur im Billard eine Bedeutung für mich. Es zeigte mir, das man mit zunehmender Billard- bzw. Lebenserfahrung nur allzuleicht in Versuchung kommt wiederkehrende bzw. bereits erlebte Ereignisse mit den gemachten Erfahrungen zu vergleichen. In der Folge zieht man voreilige Schlüsse über das Bevorstehende, nur um dann darauf zu verzichten bzw. die Sache halbherzig anzugehen. Welch Idiotie! Puh, ist der Text lang geworden. Warum ich euch damit nerve? Warum hast Du bis hierher gelesen? In diesem Sinne, Allzeit Gut Stoß, Stephan Wiegand
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